Ein (literarisches) Erstlingswerk: 250 Haikus von Claire Wolkenschön

Erst spät in ihrem Leben hat Claire Wolkenschön das literarische Schaffen als Möglichkeit für sich entdeckt, dem Berufsalltag und Stress zu entkommen. Als Ärztin ist sie zwischen Patientengespräche, Notfälle und routinemäßigen Eingriffen, Wochenendschichten und täglichem Leisten des Hypokratischen Eids gefesselt. Gespräche mit Freunden und Familien, Theater- und Konzertbesuche helfen ihr, zu ihrem Beruf Abstand zu finden. Doch die Abende allein in der Stille mochten sich lange Zeit nicht recht produktiv nutzen zu lassen. Die Gedankenfetzen, die ihr am Abend durch den Kopf gingen, schrieb sie anfangs notizenhaft nieder. Daraus entwickelte sich nach und nach eine feste Form, die ihr Struktur und Halt gab, ihre Gedanken am Abend zu sortieren – die Haikus waren geboren.


Wundersam stehst du

Ob ich es schaffe

Hast du das getan

Ein bisschen war es

Laue Sommernacht

Kalter Winterwald

Klavier tönend laut

Diskussionen wirr

Einsame Straßen

Kannst du mir helfen

Wie sage ich es

Einhundert Taten

Leerer Raum mit dir

Weißt du noch damals

Die Sonne im Haar

Hätte ich geglaubt

Grell weißes Papier

Ich weiß gar nicht mehr

Pure Fröhlichkeit

Dieser neue Start

Wie kann ich bloß nur

Jetzt ein Wort zu dir

Blütenblätter rar

Wie kam es dazu

Zu viel Schnelligkeit

Blinkende Lichter

Wärme umgibt mich

Champagner auf Eis

Schwebend im Himmel

Wie war das nochmal

Ein Blick in das Nichts

Ewig bleibt es hier

Erinnerst du dich

Türkisenes Meer

Erinnerung schwer

Flirrende Hitze

Bedeutet es dir

Wieviele zählst du

Wie schaffe ich es

Tausende Zahlen

Helles Grün sprießend

Ein neuer Anfang

Ein neues Gedicht

Blatt um Blatt blätternd

Alte Tapete

Knusperndes Geräusch

Deutsche Dichterkunst

Die Hälfte ist da

Buchstaben reihend

Krakenartige

Gepunktetes weiß

Wie Regenbögen

Denkst du manchmal auch

Ein Tag wie keiner

Hügel und Täler

Mehr Verzweigungen

Röte um Röte

Betörender Duft

Hölzer gestapelt

Hölzerne Schatten

Kalendertage

Wabernde Dämpfe

Meine Leitfigur

Himmelsleitern hoch

Flackernde Lichter

Giraffe vor mir

Wolkengleicher Traum

Unebenheiten

Zusammen gehen

Siege im Leben

Gefühlte Freiheit

Natur anschauen

Glitzer hinter Glas

Hektik überall

Seelengleicher Mensch

Rückwärts gehe ich

Arbeit im Tunnel

Mühend im Dunkel

Donnergrollen laut

Zahlreiche Träume

Ein Schritt ins Leere

Gedanken kreisend

Ein Regal hochkant

So viele Worte

Das ist der Standard

Kratzender Füller

Vielerlei Zeilen

Hast du schon gehört

Türkis und rosa

Ich habe gehört

Ganz zerzaustes Fell

Zahlen mehr Zahlen

Über den Wipfeln

Große und kleine

Prickelnde Perlen

Weiß ist nicht gleich weiß

Energie und Kraft

Ein Dichter in mir

Ich schaue rückwärts

Freude macht sich breit

Sternenhimmel wie

Ein Klebezettel

Klirrendes Geschirr

Teppich ausgelegt

Korn an Korn reihend

Einst gab es viele

Sichtbar im Dunkeln

In Bewegung sein

Wärmende Mauern

Trübe Gedanken

Karnevalsritter

Kalte Tastatur

Glaube an Wunder

Risikobereit

Beschauliche Welt

Knallende Korken

Wasser fließt hinab

Moos dunkelgrün weich

Auto an Auto

Kann es kaum fassen

Die Vorhänge zu

Stein auf Stein bauen

Ein sehr kühner Traum

Kann ich vergessen

Vom Winde verweht

You stand wondrous

Whether I can make it

Did you do this

It was a little

Mild summer night

Cold winter forest

Piano sounding loud

discussions confused

lonely streets

Can you help me

how do i say it

One Hundred Deeds

empty space with you

you remember back then ?

The sun in your hair

I would have believed

Bright white paper

I don’t remember

Pure happiness

This new start

How can I?

Now a word to you

Petals rare

How did that happen

Too much speed

Flashing Lights

warmth surrounds me

champagne on ice

Floating in the sky

What was that again

A look into nothing

It stays here forever

Do you remember

Turquoise Sea

memory difficult

Shimmering heat

does it mean to you

how many do you count

how can i make it

thousands of numbers

Bright green sprouting

A new beginning

A new poem

leaf through leaf

Old wallpaper

Crackling sound

German poetry

Half is there

stringing letters

octopus

Spotted white

Like rainbows

Do you sometimes think so too?

A day like no other

hills and valleys

More branches

blush after blush

Beguiling scent

timbers stacked

Wooden shadows

calendar days

Billowing fumes

My leader

ladders to heaven

Flickering lights

giraffe in front of me

cloudlike dream

bumps

Go together

victories in life

Feeling of freedom

look at nature

Glitter behind glass

hustle and bustle everywhere

soulmate human

I go backwards

work in the tunnel

Struggling in the dark

thunder rolls loudly

Numerous dreams

A step into the void

thoughts circling

A shelf upright

so many words

This is the default

Scratchy filler

Many lines

Have you ever heard

turquoise and pink

I heard

All disheveled fur

numbers more numbers

Above the treetops

Big and small

Sparkling pearls

White is not the same as white

energy and power

A poet in me

i look backwards

Joy spreads

starry sky like

A sticky note

Clinking dishes

carpet laid out

grain after grain

Once there were many

Visible in the dark

be on the move

warming walls

cloudy thoughts

carnival knight

Cold keyboard

believe in miracles

risk taking

Tranquil world

Popping corks

water flows down

Moss dark green soft

car to car

Ca n’t believe it

The curtains closed

building brick by brick

A very daring dream

can i forget

Blown by the wind

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